Erworbene Blutungskrankheiten werden nicht wie die meisten Blutungskrankheiten vererbt oder innerhalb der Familie weitergegeben. Verschiedene Erkrankungen können eine Interaktion mit oder die Bildung von Antikörpern gegen einen der Gerinnungsfaktoren verursachen. Die Antikörper inaktivieren den Gerinnungsfaktor, so dass Blutungssymptome auftreten können.
Erworbene Blutungskrankheiten betreffen Männer und Frauen gleichermaßen und das Potenzial für schwerwiegende Blutungsprobleme ist hoch.
Symptome erworbener Blutungskrankheiten können sein:
- Innere Blutungen
- Blutungen in die Haut und Weichgewebe
Erworbene Koagulopathien
Erworbene Koagulopathien sind häufig iatrogen bedingt (Heparin-, Cumarin- und
fibrinolytische Therapie). Andere Ursachen sind Synthesestörungen der Leber
(Leberinsuffizienz oder Vitamin
K-Mangel), Immunkoagulopathien durch Antikörper
gegen Gerinnungsfaktoren (Hemmkörperhämophile) sowie übermäßiger Verbrauch
von Gerinnungsfaktoren (Verbrauchskoagulopathie).
Iatrogene Koagulopathien
Durch Überdosierung antikoagulatorischer Medikamente kann es zur Blutungsneigung
kommen. Ursachen sind bei der Cumarintherapie die verminderte Synthese
funktionstüchtiger
Vitamin K-abhängiger Gerinnungsfaktoren (Faktor II, VII, IX und X,
Protein C und S), bei der Heparintherapie die Hemmung der Thrombin- und FXa-
Wirkung, bei der fibrinolytischen Therapie die übermäßige Bildung von Plasmin
(siehe Kapitel "Antikoagulation und fibrinolytische Therapie").
Leberinsuffizienz
Die Ursachen von Gerinnungsstörungen bei Lebererkrankungen sind vielfältig.
Pathophysiologisch kann man Störungen der Proteinsynthese (besonders bei
Hepatitiden und Leberzirrhose), Umsatzstörungen von Faktoren (z.B. Verlust von
Faktoren in den Aszites bei portaler Hypertension), Dysproteinämien (z.B. erworbene
Dysfibrinogenämie bei schweren Lebererkrankungen), erhöhte fibrinolytische Aktivität
und Bildung von Inhibitoren gegen einzelne Gerinnungsfaktoren. Das klinische Bild ist
nicht vorhersagbar, so dass jeweils der Einzelfall betrachtet werden muss.
Vitamin K-Mangel
Die Synthese der Faktoren des Prothrombin-Komplexes (Faktor II, VII, IX und X) und
von Protein C und S ist Vitamin K-abhängig. Vitamin K ist ein fettlösliches Vitamin,
das in ausreichender Menge in der Nahrung vorkommt und auch durch
Darmbakterien synthetisiert wird. Da die körpereigenen Reserven nach ca. 3 Tagen
aufgebraucht sind, besteht bei parenteraler Ernährung, bei Störungen der
Fettresorption (Cholestase, Pankreasinsuffizienz) oder bei Gabe von schwer
resorbierbaren Antibiotika (zur ‚Darmsterilisation‘ als OP-Vorbereitung) die Gefahr
eines Vitamin K-Mangels. Die Vitamin K-abhängigen Gerinnungsfaktoren werden
dann unvollständig synthetisiert. Hämostaseologisch resultiert ein ähnliches Bild wie
bei Cumarin-Therapie (siehe Kapitel "Antikoagulation und fibrinolytische Therapie").
Hemmkörperhämophilie
Immunkoagulopathien werden durch Antikörper (IgG oder IgM) verursacht, die gegen
einen Gerinnungsfaktor oder gegen Rezeptoren der Thrombozytenmembran gerichtet
sind. Bei ca. 10% der Patienten mit Hämophilie A tritt, anscheinend anlagebedingt,
meist schon nach der ersten Gabe von FVIII-Konzentraten, die Bildung von
Antikörpern gegen Faktor VIII (Hemmkörperhämophilie) auf. Bei Patienten mit
Hämophilie B ist dieses Symptom seltener (2-4%).
Bei nicht-hämophilen Patienten werden gegen Faktor VIII gerichtete Hemmkörper in
folgenden Situationen, häufig auch nur passager, beobachtet:
- Autoimmunerkrankungen (z.B. rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes)
- Medikamentöse Genese (durch Penicillin, Sulfonamide, Phenylbutazon)
- Schwangerschaft
- Inkubationsphase der Hepatitis B
Labordiagnostisch fällt die Hemmkörperhämophilie durch eine Verlängerung der
APTT auf. Auto-Antikörper gegen andere Gerinnungsfaktoren sind selten.
Verbrauchskoagulopathie und primäre Hyperfibrinolyse
Verbrauchskoagulopathie
Die Verbrauchskoagulopathie (Disseminierte intravasale Gerinnung, DIC) ist eine
erworbene Gerinnungsstörung. Durch eine globale Gerinnungsaktivierung kommt es
zum Verbrauch von Gerinnungsfaktoren und Thrombozyten. Eine Vielzahl von
Grundkrankheiten können die intravasale Gerinnung durch folgende
Mechanismen auslösen:
- Einschwemmung von Gewebsthromboplastinen (z.B. verhaltener Abort)
- Störung der Mikrozirkulation bei Schockzuständen
- Endotoxineinschwemmung (z.B. Sepsis).
Ursachen für Gerinnungsstörungen:
- Geburtshilfliche Komplikationen
- Schwere Hämolysen
- Maligne Erkrankungen
- Große Operationen
- Schockzustände
- Infektionen
- Gefäßanomalien
- Verlustkoagulopathien ( Trauma, große Operationen)
- Andere (wie Extrakorporale Zirkulation, Schlangenbiss, Hitzeschlag oder Hypothermie)
Last Updated:
4/20/2010 5:28 AM